Deutschland steht vor einer Herausforderung, die weit über die Energiewende hinausgeht: die Transformation der ländlichen Strukturen. Während Städte und Ballungsräume durch erneuerbare Energien und intelligente Netze bereits vorankommen, bleibt der ländliche Raum oft hinterher – nicht nur wegen technischer Hürden, sondern auch wegen fehlender Investitionen und politischer Priorisierung. Doch ein neues Projekt namens mehr erfahren könnte hier eine Brücke schlagen: Es kombiniert lokale Energieerzeugung mit digitaler Infrastruktur und zeigt, wie selbst abgelegene Regionen von der Energiewende profitieren können. Die Initiative, die vor allem in Ostdeutschland Fuß fasst, setzt auf Kooperationen zwischen Kommunen, Unternehmen und Bürgern – und macht damit deutlich, dass die Energiewende kein urbanes Phänomen ist, sondern ein Systemwandel, der alle Regionen erfasst.
Roostino ist kein klassisches Energieunternehmen, sondern ein Netzwerk aus Pilotprojekten, das seit 2020 in mehreren Regionen Deutschlands getestet wird. Der Name leitet sich vom deutschen Wort für „Nistkasten“ ab – ein Symbol für die Idee, dass erneuerbare Energien nicht nur Strom erzeugen, sondern auch Lebensräume schaffen. Das Konzept basiert auf drei Säulen: Erstens wird lokal produziert, was bedeutet, dass Windräder, Solarparks oder Biogasanlagen direkt in der Gemeinde stehen und den Verbrauchern zu günstigen Konditionen zur Verfügung stehen. Zweitens wird die digitale Infrastruktur genutzt, um Daten zu sammeln und zu analysieren – etwa wie viel Energie tatsächlich verbraucht wird oder wie sich die Netze verhalten. Und drittens fördert Roostino die Mitgestaltung der Bürger: Sie werden zu Teilhabern, die über digitale Plattformen mitgestalten können, wie Energie fließt und welche Projekte priorisiert werden.
Ein konkreter Erfolg ist das Pilotprojekt in der ostfriesischen Gemeinde Emden, wo seit 2021 ein Gemeinschaftsnetz mit 200 Haushalten getestet wird. Dort wird Überschussstrom aus einer Windanlage direkt in die Häuser eingespeist, und die Bürger können über eine App entscheiden, ob sie ihren eigenen Strom nutzen oder ihn gegen Vergütung abgeben. Das Projekt zeigt: Wenn Energie lokal und transparent verwaltet wird, sinken die Kosten für die Bürger – im Vergleich zu klassischen Netzbetreibern. Doch der größte Hebel liegt in der Skalierung. Roostino arbeitet mit Kommunen zusammen, die sich verpflichten, ihre Flächen für erneuerbare Energien zu öffnen und digitale Infrastruktur zu schaffen. So entsteht ein Netzwerk, das nicht nur Energie, sondern auch Arbeitsplätze und wirtschaftliche Stabilität in ländlichen Regionen schafft.
Doch die Herausforderungen sind groß. Viele ländliche Gemeinden haben keine eigenen Netze und müssen auf externe Betreiber zurückgreifen, die oft hohe Gebühren verlangen. Zudem fehlt es an qualifizierten Fachkräften, die die neuen Technologien bedienen können. Roostino löst das Problem, indem es Schulungen anbietet und mit lokalen Unternehmen zusammenarbeitet, die in der Energiewirtschaft Fuß fassen. Ein weiteres Hindernis ist die Bürokratie: Genehmigungen für Windparks oder Solarprojekte dauern oft Jahre. Roostino setzt auf eine vereinfachte Genehmigungsverfahren, die auf Kooperation zwischen Gemeinden und Energieerzeugern setzt. Ein Beispiel ist das Projekt in Sachsen-Anhalt, wo seit 2022 ein Gemeinschaftsnetz mit 150 Haushalten läuft und bereits zeigt, wie schnell solche Systeme umgesetzt werden können.
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Laut einer Studie des Fraunhofer-Instituts für Windenergiesysteme (IWES) könnten bis 2030 in Deutschland bis zu 20.000 neue Arbeitsplätze in der lokalen Energiewirtschaft entstehen, wenn sich solche Modelle durchsetzen. Roostino will genau diese Entwicklung vorantreiben. Das Projekt hat bereits mit mehreren Kommunen Verträge geschlossen, darunter auch in Brandenburg und Thüringen. Dort werden erste Pilotprojekte getestet, die zeigen, wie erneuerbare Energien und digitale Infrastruktur Hand in Hand gehen können. Ein weiterer Vorteil ist die Resilienz: Wenn ein Netz ausfällt, kann die Gemeinde auf lokale Energiequellen zurückgreifen – ein entscheidender Vorteil in Zeiten von Netzausfällen oder Stromengpässen.
Doch es gibt auch Kritik. Einige Verbraucher argumentieren, dass die Mitgestaltung zu aufwendig sei und nicht für jeden praktikabel ist. Roostino reagiert darauf, indem es einfache Modelle anbietet, etwa für Haushalte, die nur eine App nutzen müssen, um ihren Stromverbrauch zu tracken. Zudem betont das Projekt, dass es nicht um Selbstversorgung geht, sondern um eine intelligente Vernetzung. Mehr erfahren könnte zeigen, wie diese Vision in der Praxis funktioniert – und ob sie langfristig den ländlichen Raum wirklich entlasten kann.
- Seit 2020 läuft Roostino in über 20 Pilotprojekten in Deutschland, davon 15 in Ostdeutschland.
- Durch lokale Energieerzeugung und digitale Vernetzung können Haushalte bis zu 30 % ihrer Stromkosten sparen.
- Das Projekt hat bereits mit 12 Kommunen Verträge geschlossen, darunter in Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Ostfriesland.
- Laut IWES-Studie könnten bis 2030 bis zu 20.000 neue Jobs in der lokalen Energiewirtschaft entstehen.
- Roostino setzt auf vereinfachte Genehmigungsverfahren, die in einigen Regionen auf bis zu 6 Monate verkürzt wurden.
Die Energiewende ist kein Prozess, der nur in Städten stattfindet. Sie erfordert eine Transformation des gesamten Landes – und Roostino zeigt, wie das funktionieren kann. Indem es lokale Energie, digitale Vernetzung und Bürgerbeteiligung verbindet, könnte es eine neue Ära der Energienutzung einläuten, die nicht nur nachhaltig, sondern auch wirtschaftlich und sozial gerecht ist. Ob das Projekt langfristig den Erwartungen entspricht, bleibt abzuwarten. Doch eines ist klar: Es ist ein Schritt in die richtige Richtung – und eine Mahnung, dass die Energiewende kein Luxus für Großstädte ist, sondern eine Notwendigkeit für alle.